Tübingen beschreitet einen Sonderweg in der Coronakrise. Der Bundespolitiker Karl Lauterbach zweifelt daran. OBM Boris Palmer antwortet.

Zwischen dem SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach und der Stadt Tübingen sind hinsichtlich des Corona-Modellprojekts der Stadt Differenzen entbrannt. Die Stadt hat als baden-württembergische Modellkommune Teststationen eingerichtet, um es den auf das Coronavirus getesteten Besuchern der Innenstadt mit einem „Tagesticket“ zu ermöglichen, lokale Kultur-, Gastronomie- und Gewerbetriebe aufzusuchen. Lauterbach verbreitete über soziale Medien heute seine diesbezügliche, pessimistische Einschätzung: „Tübingen schafft es nicht“. Die Stadt weist dies zurück.

Palmer: Lauterbach zieht falsche Zahlen zurate

OBM Boris Palmer aus Tübingen (Quelle: Stadt Tübingen/Gudrun de Maddalena)

OBM Boris Palmer aus Tübingen (Quelle: Stadt Tübingen/Gudrun de Maddalena)

Die Einschätzung Lauterbachs beruhe auf falschen Zahlen, antwortet Tübingens OBM Boris Palmer heute in einer Pressemeldung. Lauterbach kenne den Unterschied zwischen dem Landkreis Tübingen und der Stadt Tübingen nicht. „Als Rheinländer sei ihm das verziehen“, meint Palmer. „Der Anstieg der Inzidenz im Landkreis Tübingen findet bisher in der Stadt Tübingen nicht statt.“

Die Inzidenz im Stadtgebiet bewege sich seit zwei Wochen zwischen 20 und 30 Neuinfektionen auf 100.000 Einwohner in sieben Tagen. Der von Lauterbach gemeinte Anstieg der Fallzahlen spiele sich in Schulen und Kitas außerhalb des Stadtgebietes ab. Der Stadt gelinge es weiterhin, die Zahlen im bundesweiten Vergleich niedrig zu halten.

Seit dem 16. März stellt Tübingen als Modellversuch sogenannte „Tagestickets“ aus. Wer an einer der Tübinger Teststationen negativ auf das Coronavirus getestet wurde, kann mit diesem Nachweis in der Innenstadt etwa gastronomische oder kulturelle Angebote wahrnehmen. Auch bei den Bund-Länder-Gesprächen zur Coronakrise am vergangenen Montag mit Bundeskanzlerin Angela Merkel und den Ministerpräsidenten waren kommunale Modellversuche wie der Tübinger Thema.

Tübingen verfolgt umfangreiche Teststrategie

„Die Tests für Schulen und Betriebe fehlen noch, der Aufbau dauert. Ausgangssperren bei Inzidenz über 100 zumindest ab 20 Uhr wären wirksam und unbürokratisch“, schreibt Lauterbach im gleichen Twitter-Post weiter. Was den Umfang des Testprogramms betreffe, gehe Lauterbach ebenfalls von falschen Voraussetzungen aus, entgegnet Palmer darauf. Zwar fokussiere die öffentliche Debatte zum Tübinger Modellvorhaben Handel, Gastronomie und Kultur – doch auch in den Bereichen von Schulen, Kitas und Betrieben habe die Stadt Testungen „längst auf den Weg gebracht“.

Bereits Anfang Februar sei ein Konzept zur Selbsttestung aller Schüler im Präsenzunterricht entwickelt worden. Allein in dieser Woche fänden an Tübinger Schulen über 8.000 Tests statt. Heute seien den Eltern von Kita-Kindern freiwillige Testungen der Kinder angeboten worden. Zudem testeten die größten Arbeitgeber der Stadt sowie diverse kleinere Unternehmen bereits ihre Belegschaft. In dieser Woche würden wohl rund 60.000 Schnelltests in der Stadt verteilt.

Niedrige Inzidenz trotz hoher Testintensität in Tübingen

Trotz dieser „in Deutschland einmaligen Testintensität“ verharre die Inzidenz in Tübingen bei unter 30. Die Positivrate der Tests liege stabil bei 1:1.000, teilt die Stadt mit. Gleichzeitig sei Tübingen dadurch die Stadt „mit der niedrigsten Dunkelziffer“ im Zusammenhang mit dem Infektionsgeschehen. Gerade die lokale Testkampagne habe das diffuse Infektionsgeschehen in Tübingen besser unter Kontrolle gebracht als in „vielen Kreisen, in denen lediglich der Lockdown zur Pandemieabwehr eingesetzt wird“.

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