In der Region Frankfurt-Rhein-Main beschäftigt man sich seit Jahren mit dem Brexit. Bei allem Bedauern erwartet die Region neue Ansiedlungen.

Der kurz vor dem Jahreswechsel zustande gekommene Vertrag zwischen der Europäischen Union und Großbritannien über den Brexit, also den Austritt Großbritanniens aus der EU, sorgt bei allem Bedauern in deutschen Kommunen auch für Erleichterung. Etwa begrüßt das Brexit-Koordinationsnetzwerk der Region Frankfurt-Rhein-Main und des Landes Hessen den „nach langem politischen Tauziehen in letzter Minute“ geschlossenen Kontrakt.

Zwar seien nicht alle Einzelheiten abschließend geklärt. Doch nun herrsche „zumindest ein gewisses Maß an Klarheit für die Wirtschaft“. Dies teilte die Europastadt Frankfurt am Main am Dienstag in einer Pressemeldung des Koordinationsnetzwerks mit.

Netzwerk koordiniert Brexit-Aktivitäten der Rhein-Main-Region

Das Brexit-Koordinationsnetzwerk der Region Frankfurt-Rhein-Main bündelt die Aktivitäten verschiedener Akteure der Rhein-Main-Region im Zusammenhang mit dem Brexit. Einerseits zielt es auf Marketingaktivitäten ab und möchte das Werben um brexitbedingte Ansiedlungen regional koordinieren.

Andererseits fungiert es als Ansprechpartner sowohl für ansiedlungswillige Unternehmen aus Großbritannien, die an einer Niederlassung in der Rhein-Main-Region interessiert sind, als auch für lokale Firmen, die von den Umwälzungen des Brexit betroffen sind, weil sie beispielsweise wichtige Geschäftsbeziehungen nach Großbritannien unterhalten.

Drittens möchte es den Informationsfluss, was Neuigkeiten und erwartete Effekte des Brexit betrifft, regional fördern. Dies betrifft sowohl die politische Gemengelage in Brüssel und London als auch Informationen über für die Wirtschaft relevante Gesetzesnovellen, über neue Zollvorgaben oder neue Vorschriften in stark regulatorisch geprägten Branchen.

Finanzplatz Frankfurt profitiert vom Brexit

Der Standort sei insgesamt „gut positioniert, um von Geschäftsverlagerungen im Zuge des Brexit zu profitieren“, sagt der Frankfurter IHK-Präsident Ulrich Caspar. Dabei punktet vor allem der Finanzplatz Frankfurt. „Im Wettbewerb mit den wichtigsten Finanzplätzen in Europa hat Frankfurt am Main durch zahlreiche neue Bankinstitute und wichtige europäische Finanzinstitutionen seine Stellung deutlich ausgebaut“, so der Frankfurter Wirtschaftsdezernent Markus Frank.

Nach Informationen der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) hatten rund 60 Finanzinstitute eine Lizenz in Deutschland beantragt. Davon will der Großteil eine Europazentrale in Frankfurt einrichten. Hintergrund der Ansiedlungen ist meist, dass Finanzhäuser, die in der EU handeln wollen, dafür eine Lizenz in einem EU-Mitgliedsstaat brauchen. Zahlreiche Banken, die eine solche bislang in Großbritannien hatten, aber in der EU weiter ihre Geschäfte betreiben wollen, müssen sich daher nun auf den Kontinent orientieren.

Region erwartet auch Brexit-Ansiedlungen anderer Branchen

Darüber hinaus gibt die Frankfurt-Rhein-Main GmbH an, bislang mehr als 20 Unternehmen anderer Branchen mit Bezug zum Brexit bei der Ansiedlung unterstützt zu haben. Diese Zahl könnte perspektivisch weiter steigen. Denn aufgrund der notwendigen Zertifizierung für ihr EU-Geschäft hatte sich zuerst das Finanzwesen mit Blick auf den 1. Januar vorausschauend mit neuen Dependancen in der EU aufgestellt. Nun ist abzusehen, dass brexitbedingte Umwälzungen verstärkt auch andere Branchen treffen. Erwartungsgemäß könnten dies Dienstleister, Logistiker und der Lebensmittelbereich sein. Die Arbeit des Brexit-Koordinationsnetzwerks richtet sich nun also nach dieser Entwicklung aus.

„Selbstverständlich bedauern wir die Entscheidung der Briten, aus der EU auszutreten, sehr“, betont Frankfurt-Rhein-Main-Geschäftsführer Eric Menges. Allerdings sei die Region gut darauf vorbereitet, auch bedingt durch die Aktivitäten des Brexit-Koordinationsnetzwerks. Sie präsentiere sich als „der beste und unkomplizierteste Standort für Unternehmen, die sich jetzt nachhaltig im Europa der 27 engagieren möchten“, sagt Menges.

Akteure aus drei Bundesländern im Brexit-Koordinationsnetzwerk

In das Brexit-Koordinationsnetzwerk bringen sich neben der hessischen Staatskanzlei sieben Organisationen, Kammern und Initiativen ein. Ein Merkmal des Netzwerks ist, dass es sich innerhalb kurzer Zeit pragmatisch zusammengefunden hat. Zudem ist es breit ausgerichtet. Damit umfasst es verschiedene Interessengruppen und Perspektiven auf das Thema. Seit Gründung 2016 tagte das Netzwerk etwa 200 Mal. Die Abstimmung findet auf der operativen Ebene in zweiwöchentlichen „Montagsrunden“ statt.

Unter den Netzwerkakteuren sind neben der Staatskanzlei die Wirtschaftsförderung Frankfurt, die Industrie- und Handelskammer Frankfurt, die Finanzplatzinitiative Frankfurt Main Finance, der Verband der Auslandsbanken, Hessen Trade und Invest sowie die HA Hessen Agentur. Mit der Frankfurt-Rhein-Main Marketing GmbH ist außerdem ein regionaler Akteur im Netzwerk präsent, der Bezüge zu Kommunen in den Ländern Hessen, Rheinland-Pfalz und Bayern einbringt.

Gesellschafter der Frankfurt-Rhein-Main GmbH sind unter anderem diverse Landkreise und Städte. Aufsichtsratsvorsitzender ist der Frankfurter OBM Peter Feldmann. Unter den Kommunen sind die Städte Frankfurt, Wiesbaden, Offenbach, Darmstadt, Eschborn, Rüsselsheim, Hanau und Bad Homburg.

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