Das Globale spiegelt sich im Lokalen: Wie progressive OBM als „Glokalisten“ lokal an der globalen Zukunft arbeiten – ein Gastbeitrag von Daniel Dettling.

Oberbürgermeister und Bürgermeister werden zu den Akteuren der Zukunft. In den USA haben Bürgermeister für ihre Städte neue CO2-Ziele gesetzt – gegen die Klimapolitik von Präsident Donald Trump. In Polen bilden Bürgermeister ein Bollwerk gegen die rechtspopulistische Regierungspartei PiS. Und in Istanbul leistet ein Bürgermeister Widerstand gegen den autokratisch regierenden Präsidenten Recep Erdogan.

Weltweit leben bald 80 Prozent der Bevölkerung in Ballungsgebieten. Die Metropolregionen können bereits heute politisch und wirtschaftlich mit einer Vielzahl von Nationalstaaten konkurrieren. So verfügt die Stadt New York mit mehr als 80 Milliarden US-Dollar über ein jährliches Budget, das über dem von 160 Ländern liegt. Die Bevölkerungszahlen von Megastädten wie Seoul und Tokio sind höher als die einiger Staaten. Die Einwohner der Städte identifizieren sich teils mehr mit ihrer „Community“ als mit ihrer nationalen Herkunft.

In Städten verschmelzen Globales und Lokales zum “Glokalen”

Klimawandel, Mobilitätswende, Integration, Sicherheit oder die Bedrohung von Demokratie und gesellschaftlichem Zusammenhalt durch den neuen Rechtspopulismus: Die Probleme unserer Zeit spielen in den Großstädten. Dort müssen sie gelöst werden. Hier verschmelzen das Globale und das Lokale zum „Glokalen“. Auf der einen Seite stehen globale Herausforderungen, auf der anderen Seite die konkreten, lokalen Problemlagen sowie die Lösungskompetenz vor Ort.

Akteure und Avantgardisten des Glokalen sind pragmatische und nicht polarisierende Oberbürgermeister. Sie verstehen sich als politische Unternehmer, sind volksnah, lassen sich an ihren Taten messen und wirken über die eigene Stadt hinaus. Kreative OBM sind die Beschleuniger und Agenten einer Revitalisierung der Demokratie durch neue politische Formate und Tools. Städte, die auf Beteiligung, Lebensqualität und Offenheit setzen, sind wirtschaftlich erfolgreicher und sozial innovativer.

Wenn Oberbürgermeister die Welt regierten

Die im Geist des Glokalen gegründeten Plattformen und internationalen Netzwerke gewinnen an Sichtbarkeit. Darunter ist das „Global Parliament of Mayors“, kurz GPM, das 2016 zum ersten Mal tagte und Oberbürgermeister der ganzen Welt miteinander vernetzt. Heute repräsentiert das GPM mehr als 200 Millionen Menschen. Initiiert wurde es vom 2017 verstorbenen amerikanischen Professor für Zivilgesellschaft Benjamin Barber.

Mit seinem Bestseller „If Mayors Ruled the World“ („Wenn Oberbürgermeister die Welt regierten“) startete Barber einen globalen Diskurs über die Zukunft der Demokratie. Impulsgeber für das GPM war die Erkenntnis: Stadtpolitik ist effektiver und zukunftsorientierter als nationale Politik. Barber stellt angesichts der Globalisierung die Funktionsweise des Nationalstaates als politische Einheit in Frage.

“Städte sind motivierter, globale Probleme zu lösen”

Die These: Da sich Nationalstaaten durch ihre Grenzen definieren, sind sie nicht in der Lage, die globalen Probleme, die keine Grenzen kennen, zu lösen. Im Unterschied zu Staaten haben Städte hingegen ein anderes Verständnis von Souveränität – für Städte ist die Akzeptanz von und das Handeln in wechselseitigen Abhängigkeiten geübte Praxis.

Zudem sind Städte motivierter, globale Probleme zu lösen, weil sie schneller ihr Opfer werden können. Ein Beispiel hierfür ist der Klimawandel. 80 Prozent der CO2-Emissionen kommen aus den Städten. 90 Prozent der Städte weltweit liegen am Meer, an einem See oder Fluss. Während die Klimapolitik auf nationaler Ebene also meist ein recht abstraktes Thema bleibt, eines unter vielen, sind die bedrohlichen Auswirkungen des Klimawandels in vielen Städten längst erfahrbar.

Beschreibt die wachsende Bedeutung des Glokalen: der Zukunftsforscher Daniel Dettling (Quelle: privat/Edgar Rodtmann)

Beschreibt die wachsende Bedeutung des Glokalen: der Zukunftsforscher Daniel Dettling (Quelle: privat/Edgar Rodtmann)

Viele Städte ringen – über nationale Grenzen hinweg – mit ähnlichen Herausforderungen. So ist dem Ausstieg der USA unter Trump aus dem globalen Klimaabkommen bis dato auch keine US-Stadt gefolgt. Die meisten bekennen sich weiterhin zu den Klimazielen von Paris.

Deutlich wird die neue Rolle der Städte neben der Klimafrage auch bei den Zukunftsthemen Integration und Sicherheit. 2014, vor dem Beginn der Flüchtlingskrise, forderte etwa der Oberbürgermeister der Stadt Goslar, Oliver Junk, die Großstädte bei der Aufnahme neuer Flüchtlinge zu entlasten. Unter seiner Führung nahm Goslar selbst mehr Flüchtlinge auf, als die Mittelstadt in Niedersachsen ursprünglich aufnehmen sollte. Junk widmete sich aktiv der Zuwanderungspolitik, auch aus demographischen Gründen. Vor allem der ländliche Raum und viele Regionen seien auf Zuwanderung angewiesen, argumentierte Junk. „Erfolgreiche Flüchtlingsarbeit ist nicht abhängig vom Standort, sondern von der Haltung.“

Das Beispiel zeigt auch: Die Großstädte sind nicht nur Akteure des Glokalen, sondern sie stehen dabei auch im Wechselverhältnis zu benachbarten, kleineren Städten und dem ländlichen Raum.

Die Zukunft der Demokratie ist lokal und urban

Ähnliche Beispiele dafür, wie Oberbürgermeister glokal handeln, Debatten prägen und progressiv wirken, zeigen sich auf den Feldern der Digitalisierung, der Bürgerbeteiligung oder des Engagements gegen Hass und den neuen Autoritarismus. Insofern ist auch die Zukunft der Demokratie lokal und urban. Die glokalen Städte und deren Oberbürgermeister formen die soziale und ökologische Wirklichkeit des 21. Jahrhunderts. Sie sind es, die Weltoffenheit und Ökologie machtpolitisch vor dem Neonationalismus retten.

Die neuen Governancefragen wie Klimaschutz, gesellschaftlicher Zusammenhalt, Diversität und Migration können nicht allein durch zentralstaatliches Handeln beantwortet werden. In den Kommunen existiert längst eine kollaborative Praxis.

Oder wie es Wellington Webb, der ehemalige Bürgermeister des amerikanischen Denver (1991 bis 2003), sagt: „Das 19. Jahrhundert war das Zeitalter der Weltreiche, das 20. Jahrhundert das Zeitalter der Nationalstaaten, und das 21. Jahrhundert wird das Zeitalter der Städte sein.“

Der Autor

Dr. Daniel Dettling ist Zukunftsforscher und leitet das Berliner Büro des Zukunftsinstituts. Ein Beitrag von ihm über das „Glokale“ erschien unter anderem im neuen „Zukunftsreport 2020“. Kontakt zum Zukunftsinstitut: www.zukunftsinstitut.de. Der Beitrag stammt aus der aktuellen Ausgabe der OBM-Zeitung (01/20).

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