In Mecklenburg-Vorpommern gründen Kommunen einen Verein zur Förderung des Fuß- und Fahrradverkehrs. Darüber spricht OBM Madsen aus Rostock.

Sie soll den Fahrrad- und Fußgängerverkehr aus regionalem Blickwinkel fördern: Im Oktober gründeten acht Kommunen die Arbeitsgemeinschaft fahrrad- und fußgängerfreundliche Kommunen Mecklenburg-Vorpommern (AGFK M-V). Der Verein fußt auf einer Initiative, die ursprünglich von Greifswald und Rostock angestoßen wurde. AGFK-Vorstandsvorsitzender ist OBM Claus Ruhe Madsen aus Rostock. Weiter gehören die Oberbürgermeister und Bürgermeister Stefan Fassbinder (Greifswald), Andreas Grund (Neustrelitz), Laura Isabelle Marisken (Heringsdorf) und Jan van Leeuwen (Hohenkirchen) zum Vorstand. Neben Rostock sind Stralsund, Greifswald, Neustrelitz, Anklam, Ostseebad Heringsdorf, Wismar und Hohenkirchen Mitglieder im neuen Netzwerk. Für die Landeshauptstadt Schwerin steht der diesbezügliche Ratsbeschluss noch aus. Hier spricht OBM Madsen über die Vereinsgründung, interkommunale Kooperation für den Fahrradverkehr und den Umweltverbund in der Coronakrise. Das Foto oben zeigt Madsen mit Christian Pegel, dem Verkehrsminister Mecklenburg-Vorpommerns. Pegel ist Schirmherr des AGFK.

AGFK: Eine regionale Perspektive für den Radverkehr

OBM: Herr Madsen, Rostock engagiert sich als treibende Kraft für den Radverkehr nicht nur in der Stadt, sondern mit der neu gegründeten AGFK auch im Land. Was ist das Ziel der AGFK?

Claus Ruhe Madsen: In erster Linie will die AGFK dem Rad- und Fußverkehr zu mehr Aufmerksamkeit verhelfen. Dafür will sie Kommunen miteinander verbinden, damit sie voneinander und zusammen lernen. Sie zielt darauf ab, eine gemeinsame Expertise aufzubauen. Als Kommunen in einem Flächenland tun wir gut daran, Radwegeprojekte gemeinsam zu realisieren. Gemeinsam lässt sich außerdem gegenüber Land oder Bund stärker auftreten. Dies gilt auch für das Einwerben von Fördermitteln.

OBM: Einerseits liegt der örtliche Radverkehr naturgemäß in der Zuständigkeit einer Kommune. Andererseits macht er aber nicht an kommunalen Grenzen halt. Wie wichtig sind also interkommunale Kooperation und eine regionale Abstimmung?

Claus Ruhe Madsen: Absolut wichtig. Es ist richtig: Innerhalb einer Stadt ist die jeweilige Kommune zuständig für ihre eigenen Radwege. Aber spätestens an der Stadtgrenze stellt sich die Frage der Vernetzung mit dem überörtlichen Radwegesystem. Für eine solche Abstimmung, was die Infrastrukturplanung betrifft, erhoffen wir uns mit der Vereinsgründung eine bedeutende Erleichterung. Dabei sind die verschiedenen Dimensionen des Radverkehrs zu berücksichtigen. Es geht um Berufspendler und um Freizeitfahrer, aber auch um Touristen. Grundsätzlich ist ein gut erschlossenes, sicheres und barrierefreies Radwegenetz wichtig. Gerade der touristische Aspekt gewichtet die überörtliche Perspektive und die Anmutungsqualität der Strecken noch einmal stärker.

Madsen: „Eine gemeinsame Expertise aufbauen“

Der Vorstand des AGFK M-V mit Verkehrsminister Christian Pegel (Quelle: Hansestadt Rostock/Thomas Mandt)

Der Vorstand des AGFK M-V mit Verkehrsminister Christian Pegel (Quelle: Hansestadt Rostock/Thomas Mandt)

OBM: Es braucht also eine regionale Betrachtung des Radverkehrs.

Claus Ruhe Madsen: Natürlich. Und zwar aus durchaus unterschiedlichen Interessenlagen heraus. In einer Großstadt wie Rostock haben die innerstädtischen Verbindungen eine vergleichsweise höhere Bedeutung für die Menschen, die sich im urbanen Raum bewegen. Für kleinere Gemeinden dagegen sind die Überlandverbindungen weitaus wichtiger, damit die Menschen mit dem Fahrrad beispielsweise die in Nachbargemeinden gelegenen Sport- und Freizeiteinrichtungen oder Arbeitsstätten erreichen können. Trotz dieser unterschiedlichen Ausgangssituationen haben sowohl die Städte als auch die Gemeinden im Sinne der Radfahrer ein gemeinsames Anliegen: mehr für den Radverkehr zu tun und die Infrastruktur zu entwickeln. Dazu gehört Vernetzung. Dafür ist der Verein eine gute Plattform.

OBM: Mit welchen Instrumenten möchte er den Radverkehr in der Region denn fördern?

Claus Ruhe Madsen: Mit seiner Geschäftsführung ergeben sich personelle Kapazitäten. Vor allem kleinere oder mittlere Kommunen hätten ansonsten vielleicht nicht die Ressourcen dafür, einen eigenen Fahrradexperten zu beschäftigen. So können wir ein gemeinsames Mobilitätsmanagement entwickeln, gemeinsame Expertise aufbauen und die Last auf viele Schultern verteilen. All dies geschieht mit einem integrierenden Blick auf die Region. Nicht zuletzt ist die gemeinsame Stimme in der Politik viel lauter als die einer einzelnen Kommune.

Vorbild Kopenhagen: Rostock als „Smile City“

OBM: Wenn Sie auf Rostock blicken: Sie sprechen davon, die Stadt zu einer Fahrradstadt entwickeln zu wollen. Wie wollen Sie das tun, und welches sind die Kriterien dafür?

Claus Ruhe Madsen: Ein Vorbild dafür ist meine Heimatstadt Kopenhagen. Dort ist das Fahrrad ein selbstverständliches Verkehrsmittel. Im morgendlichen Pendelverkehr werden mehr Kilometer mit dem Fahrrad zurückgelegt als mit dem Automobil. Gelungen ist das unter anderem dadurch, dass die Radwegeinfrastruktur deutlich verbessert und Fahrradbrücken gebaut wurden. In diese Richtung wollen auch wir voranschreiten. Ein Leuchtturmprojekt dafür ist der Bau einer Brücke über die Warnow im Zuge der Bundesgartenschau, die 2025 in Rostock stattfindet. Die Fahrrad- und Fußgängerbrücke soll zwei Stadtteile verbinden und dadurch den Fußgänger- und Radverkehr erleichtern. Die Brücke kostet über 30 Millionen Euro. Sie wird mit 80 Prozent vom Bund gefördert.

OBM: Wie ordnet sich das Engagement für den Radverkehr denn in die Stadtentwicklung ein?

Claus Ruhe Madsen: Wir verfolgen den Gedanken einer „Smile City“ für Rostock. Unter diesem Label haben wir etwa beim Smart-City-Wettbewerb des Bundesinnenministeriums erfolgreich teilgenommen. Und diese Idee spiegelt sich in unserem Engagement für den Fahrradverkehr wider. Rostock soll sich als glückliche Stadt mit glücklichen Bürgern entwickeln. Dazu gehören Bewegung und Gesundheit – dies schließt Fahrradfahren und Nachhaltigkeit in der Mobilität ein. Während des ersten Lockdowns im März waren Rostocks Straßen wie leergefegt. Doch statistisch waren nur 30 Prozent weniger Autos unterwegs. Nach diesem Eindruck stellt sich umgekehrt die Frage, welches Bild sich wohl ergäbe, wenn der Autoverkehr um nur zehn Prozent zunähme. Umso dringlicher müssen wir alles dafür tun, den Verkehrsmittelwechsel weg vom Auto und den Umweltverbund – auch das Fahrrad – zu fördern.

Coronakrise: Mindsetveränderung in Sachen Stadtmobilität

OBM: Doch die Coronakrise führt zu hohen finanziellen Belastungen für den ÖPNV. Glauben Sie, dass die Krise die Mobilitätswende bedroht?

Claus Ruhe Madsen: Wir erleben in der Coronakrise, wie sich Verkehrs- und Bewegungsmuster verschieben. Teils weg vom ÖPNV, aber nicht nur hin zum Auto, sondern auch zu mehr Fußgänger- und Fahrradverkehr. Mit Blick auf den ÖPNV haben wir gerade über 100 Millionen Euro für Investitionen in neue Straßenbahnen bereitgestellt. Mit Blick auf den Fahrradverkehr verzeichnen wir eine regelrechte Mindsetveränderung. Das Fahrrad rückt stärker ins Bewusstsein der Rostocker. Viele entdecken es für ihre Mobilität. Zuletzt gab es sogar kleine Fahrradstaus an den Ampelanlagen – das ist etwas völlig neues für das Rostocker Stadtbild.

OBM: Wie nachhaltig ist denn der Trend zum Fahrrad aus Ihrer Sicht? Glauben Sie nicht, dass er nach der Coronakrise wieder abflacht?

Claus Ruhe Madsen: Sicher wird manch einer, der nun das Fahrrad nutzt, wieder zum Auto zurückkehren. Doch das Fahrrad wird neue Fans gefunden haben – in all seinen Facetten als Verkehrsmittel, aber auch als Sport und Freizeitbeschäftigung. Es gibt verschiedene Zielgruppen, und unsere Aufgabe ist es nun, die Infrastruktur so zu gestalten, dass sie den positiven Trend begünstigt.

OBM: Zurück zur AGFK. Was sind die nächsten konkreten Schritte?

Claus Ruhe Madsen: Es geht zunächst darum, Strukturen zu schaffen. Der Verein muss sich finden und sich ein Netzwerk zu den relevanten Akteuren aufbauen. Dazu gehört, neue Mitglieder zu gewinnen. Dann zielen wir auf eine direktere Einwirkung beim Thema Fahrrad- und Fußverkehr auf Landes- und Bundesebene ab.

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