Die Stadt Erlangen möchte ihr Profil als Fahrradstadt schärfen. Dies geschieht im Zusammenspiel mit einer Bürgerinitiative.

Die bayerische Stadt Erlangen möchte ihr Profil als Fahrradstadt schärfen. Dafür legt sie nun einen „Zukunftsplan Fahrradstadt Erlangen“ vor, über den der Stadtrat in den nächsten Tagen entscheidet. Das Arbeitsprogramm, das OBM Florian Janik heute vorstellte, sieht konkrete Maßnahmen zur Förderung des Radverkehrs vor. Es ist ein Beispiel nicht nur für die angesichts des Klimawandels wachsende Bedeutung des Radverkehrs in Städten und entsprechendes bürgerschaftliches Engagement, sondern auch für einen fruchtbaren Diskurs zwischen Stadtverwaltung und Stadtgesellschaft.

Initiative Radentscheid regt Zukunftsplan Fahrradstadt an

Impulsgeber dafür war die Initiative Radentscheid Erlangen. 2019 stieß sie mit einem Forderungskatalog das Bürgerbegehren „Erlangen, tritt in die Pedale! – Radentscheid für eine lebenswerte Stadt“ an. Dafür sammelte sie bis Herbst 2020 über 5.300 Unterschriften. Das Vorhaben mündete allerdings nicht in eine Abstimmung über den Forderungskatalog. Stattdessen verhandelte die Initiative mit der Stadt über die Umsetzung ihrer Ideen.

Daraus entstand der 13 Handlungsfelder umfassende „Zukunftsplan Fahrradstadt Erlangen“. Er möchte die Mobilität der Stadt zukunftsorientiert ausrichten. Sofern die Maßnahmen umgesetzt und im Haushalt 2022 abgebildet werden, verzichtet die Initiative darauf, einen Bürgerentscheid darüber zu forcieren.

So will Erlangen das Profil als Fahrradstadt schärfen

Fahrräder auf dem Hugenottenplatz in Erlangen (Quelle: Stadt Erlangen)

Fahrräder auf dem Hugenottenplatz in Erlangen (Quelle: Stadt Erlangen)

Bereits seit den 1970er Jahren misst die Stadt dem Radverkehr eine hohe Bedeutung zu. Damit nimmt sie nach eigenen Angaben im bundesweiten Vergleich eine hervorstechende Position ein. Der Zukunftsplan möchte diese Rolle festigen und ausbauen. Dabei geht es insbesondere um die Entwicklung der Infrastruktur für den Radverkehr. Die Maßnahmen sollen im Zeitfenster bis 2024 umgesetzt sein.

  • Ressourcen für den Radverkehr: Unter anderem sieht der Zukunftsplan vor, die Finanz- und Personalressourcen zugunsten des Radverkehrs „signifikant auszubauen“. Bis 2024 sollen dafür zehn neue Stellen in der Verwaltung geschaffen werden. Zudem geht es um die Sicherung von Finanzmitteln für den Ausbau des Radverkehrs. Der Zukunftsplan setzt für jährliche Investitionen in den Radverkehr eine Größenordnung von mindestens 45 Euro pro Einwohner an. Erlangen hat rund 115.000 Einwohner. Darüber hinaus wird „eine Entwicklung in Richtung des Werts von Oslo, 70 Euro pro Einwohner, angestrebt“, heißt es im Zukunftsplan.
  • Infrastrukturausbau: Zudem definiert der Zukunftsplan konkrete Maßnahmen wie Lückenschlüsse und den Ausbau des städtischen Radwegenetzes. Damit zielt er darauf ab, den Rad- und Fußverkehr gegenüber dem Autoverkehr zu stärken. Dies gilt auch für die Ausweisung neuer Fahrradstraßen, die den Fuß- und Radverkehr gegenüber dem motorisierten Individualverkehr priorisieren.
  • Stellplatzinfrastruktur: Der Zukunftsplan setzt das Ziel, bis Ende 2024 mindestens 8.000 neue beziehungsweise modernisierte Fahrradabstellplätze zu bauen. Davon sollen zehn Prozent Lastenrädern oder Fahrrädern mit Kinderanhängern dienen.
  • Radschnellwege: Um den Anforderungen des Pendlerverkehrs besser gerecht zu werden, spielt die Vernetzung mit benachbarten Kommunen im Zukunftsplan ebenfalls eine Rolle. Konkret geht es um Pläne für Radschnellwege nach Nürnberg und Herzogenaurach sowie das regionale Netz „Metropolradweg“ mit den Punkten Nürnberg, Fürth, Erlangen, Forchheim und Bamberg.
  • Sicherheit: Der Zukunftsplan benennt überdies Maßnahmen zur Erhöhung der Sicherheit im Radverkehr. Unter anderem fokussiert er die Sicherheit im Umfeld von Schulen Dort spricht er sich für mehr Abstellanlagen aus sowie für eine Reduzierung des Pkw-Verkehrs. Letztere könne etwa durch die Einrichtung von Hol- und Bringzonen erreicht werden. Zudem sollen „Schulstraßen“ als Pilotprojekte eingeführt werden: Diese dürfen zu Stoßzeiten, also etwa zu Schulbeginn und Schulschluss, nur von Fußgängern und Radfahrern genutzt werden.
  • Vernetzte Mobilität: Darüber hinaus denkt der Zukunftsplan die Stadtmobilität inter- und multimodal. Eine Vernetzung der Mobilität des Umweltverbundes soll zu einer Reduzierung des Autoverkehrs beitragen. Dafür möchte die Stadt unter anderem sogenannte Mobilpunkte, die das Umsteigen zwischen den Mobilitätsarten – etwa zwischen dem ÖPNV und dem Fahrradverkehr – erleichtern, ausbauen.
  • Ständige Evaluation: Um die Entwicklung des Radverkehrs kontinuierlich zu evaluieren, schreibt der Zukunftsplan ein Monitoring und Reporting vor. Das soll spätestens 2030 in eine neue Radstrategie 2040 münden.

Die Stadtgesellschaft als gestaltender Faktor

OBM Florian Janik aus Erlangen (Quelle: Stadt Erlangen)

OBM Florian Janik aus Erlangen (Quelle: Stadt Erlangen)

Die Vorlage des Zukunftsplans sei ein „guter Schritt für die Fahrradstadt und die Lebensqualität der Stadt Erlangen“, so OBM Janik. „Die Verkehrswende ist von elementarer Bedeutung, wenn wir beim Klimaschutz vorankommen wollen.“ Dazu gehöre, dem Umweltverbund einen Vorrang vor dem Autoverkehr einzuräumen. In diese Richtung gehe der Zukunftsplan.

Das Beispiel Erlangen mache das Interesse der Stadtgesellschaft an urbanen Zukunftsthemen wie der Klimaanpassung, der Mobilitätswende und dem Städtebau deutlich. Dabei werde das „Instrument des Bürgerentscheids oft eingesetzt, um Dinge zu verhindern“, meint Janik. In diesen Fällen stünden bisweilen Einzelinteressen der Gemeinwohlorientierung gegenüber. Hier zeige sich allerdings das Gegenteil: Seine Verhandlungen mit der Bürgerinitiative hätten sich als konstruktiv und zielorientiert erweisen und seien von dem gemeinsamen Ziel einer gemeinwohlorientierten Stadtgestaltung geprägt gewesen.

„Meilenstein auf dem Weg zu einer modernen Stadt“

Ähnlich ordnet es Chloe Heusel, Sprecherin Initiative Radentscheid Erlangen, ein. Anliegen der Initiative sei es, das Radfahren „für alle sicherer und komfortabler zu machen“. Dabei habe man auch festgestellt, dass „manche unserer Forderungen zu ambitioniert waren“. Hürden zeigten sich etwa dort, wo die Zuständigkeiten zwischen Kommunen oder für städtische, Landes- oder Bundesstraßen variieren. Hier stießen die direkten kommunalen Handlungsmöglichkeiten bisweilen an Grenzen.

Andererseits habe man aus Sicht der Initiative im Sinne des Fahrradverkehrs mit dem Zukunftsplan gemeinsam einen „Meilenstein auf dem Weg zu einer modernen Stadt“ geschaffen. Die Initiative wolle die weitere Entwicklung kritisch begleiten.

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