Die Rahmenbedingungen für die Digitalisierung sind gut. Doch der Weg zur Smart City birgt für manche Stadt noch Unsicherheiten.

Die Entwicklung deutscher Städte zu Smart Citys geht ambivalent vonstatten. Einerseits wollen die Städte digitalisieren. Insbesondere die Coronakrise rückt diesbezügliche Notwendigkeiten stärker in den Fokus und erweist sich als Treiber. Andererseits hemmen jedoch organisatorische Herausforderungen und Unsicherheiten, was die Entwicklung von lokalen Digitalisierungsstrategien sowie konkrete Umsetzungsschritte betrifft, das Streben mancher Kommune.

Hohe Komplexität von Smart-City-Projekten als Herausforderung

Dieses Bild zeigt sich etwa im Hinblick auf das Engagement der Städte, Gemeinden und Landkreise im Zusammenhang mit dem Bundesprogramm „Modellprojekte Smart Cities“. Dabei handelt es sich um das in der öffentlichen Wahrnehmung derzeit wohl augenfälligste Smart-City-Förderprogramm des Bundes. Das Innenministerium ruft dazu auf. Zwei Förderstaffeln sind 2019 und 2020 angelaufen, die Bewerbungsphase für die dritte ist bereits abgeschlossen.

Sowohl bei den Gewinnerkommunen der vergangenen Wettbewerbsrunden als auch bei aktuellen Bewerbern zeigen sich einige der Herausforderungen, vor denen Städte hinsichtlich ihrer Digitalisierung stehen. Dies betrifft etwa strategische Herangehensweisen, die konkrete Projektorganisation oder die Beteiligung von Bürgern und Unternehmen. Dabei spielt auch die Frage nach dem Umgang mit Förderbedingungen und Vergaben eine Rolle. Einige Kommunen mussten diesbezügliche Ausschreibungen sogar zurückziehen und nachjustieren. Das liegt vor allem an der Komplexität, die Smart-City-Projekte mit sich bringen.

Digitalisierung als Transformation von „Verwaltung und Stadt“

Für die Querschnittsaufgabe der Digitalisierung sei eine hohe Interdisziplinarität charakteristisch, erklärt Jens Mofina. Mofina ist Geschäftsführer des Beratungsunternehmens City & Bits. Wer den Weg zur Smart City beschreite, brauche einen integrierten Blick, der verschiedene Fachabteilungen im Rathaus sowie Akteure der Stadtgesellschaft umfasst. Grundsätzlich sei die Digitalisierung nicht als ein einzelnes Projekt zu verstehen. Vielmehr gehe es um eine tiefgreifende, langfristige Transformation und Modernisierung von „Verwaltung und Stadt“, wie Mofina sagt.

Diese Komplexität alleine ist schon Herausforderung genug. Doch hinzu kommt, dass die digitalen Ambitionen von Kommunen durchaus mit ihrer Größe korrespondieren. Größere Städte haben bisweilen nicht nur eine größere Vergabeexpertise, sondern oft sogar auch eigene Organisationseinheiten für ihre digitale Transformation wie eine Stabstelle, einen Chief Digital Officer oder eine Digitalisierungsgesellschaft. Diese beschleunigen auch Vorhaben wie die Teilnahme an Wettbewerben und Förderprogrammen. „Doch die wenigsten Städte verfügen über solche Strukturen“, sagt Benedikt Habbel, der ebenfalls Kommunen bei deren Digitalisierung berät.

Ein progressives Klima für die Smart City

Bei allen Hürden, vor denen Kommunen hinsichtlich der Smart City stehen, zeigen sich im Augenblick aber auch begünstigende Rahmenbedingungen. Jetzt sei das richtige „Momentum“, die Digitalisierung zu forcieren, meint Ole Schilling, Smart-City-Experte bei der Telekom. Er stellt eine grundsätzliche Offenheit der Städte für Smart-City-Anwendungen fest. Dabei bestehe eine hohe Bereitschaft, interkommunal und mit anderen Partnern zu kooperieren, um digitale Innovation effektiver voranzubringen. Der Ansatz, transferierbare Lösungen zu entwickeln und anzuwenden sowie auf gemeinsamen Datenplattformen zusammenzuarbeiten, treffe durchaus auf Akzeptanz, so Schilling.

Förderkulissen wie das Programm „Modellprojekte Smart Cities“ des Bundesinnenministeriums und die positive Resonanz darauf untermauerten dieses progressive Klima, meint Schilling. Gerade das Programm lege einen besonderen Wert auf die Partizipation der Bürger und Skalierungseffekte, also die Übertragbarkeit digitaler Lösungen auf andere Kommunen, als wichtige Förderkriterien. So ziele es darauf ab, mit dem Einsatz öffentlicher Gelder nicht isolierte und auf eine Kommune begrenzte Anwendungen, sondern praktikable Lösungen für alle zu fördern und damit deren gesamtgesellschaftlichen Nutzen zu erhöhen.

Entwicklung gemeinsamer Standards für die Smart City

Dies inspiriere dazu, sich „nicht mehr kleinteilig als einzelne Kommune mit vereinzelten Projekten“ der Smart City zu widmen, sagt Schilling. Die Herausforderung bestehe nun darin, in den Kommunen zu gemeinsamen digitalen Standards zu kommen, um die Digitalisierung effektiver und nachhaltiger in der Breite zu gestalten. Dazu gehöre, die parallele Arbeit an gleichen Fragestellungen zu fokussieren und Schnittstellenprobleme – auch über Ländergrenzen hinweg – zu überwinden. Nicht nur hinsichtlich technischer Lösungen könnten Städte vom gegenseitigen Erfahrungsaustausch, von Kooperation und Kollaboration profitieren. Es gehe auch um organisatorische, partizipatorische und strategische Fragen oder Sicherheitsaspekte wie den des Datenschutzes und der -souveränität.

Dabei unterstreicht Mofina die Relevanz der Digitalisierung für die Stadtentwicklung und die kommunale Daseinsvorsorge. Seien es der Kampf gegen die Coronakrise, die Innenstadt- oder Quartiersentwicklung, der Klimaschutz und die urbane Klimaanpassung oder der Aufbau einer neuen Infrastruktur für eine nachhaltigere Mobilität: „Sobald man über die Bewältigung städtischer Herausforderungen redet, kommt man an digitalen Lösungen nicht vorbei“, sagt Mofina. „Die Arbeit an der Smart City eröffnet die Möglichkeit, die Stadt und die Region nicht nur neu zu denken, sondern sie auch gemeinsam mit den Bürgern zu gestalten.“

Info: „Modellprojekte Smart Cities“

Das Förderprogramm „Modellprojekte Smart Cities“ startete 2019. In den ersten beiden Staffeln werden bereits 45 Städte, Kreise oder regionale Kooperationen gefördert. 30 sollen in der dritten Staffel hinzukommen. Pro Modellprojekt stellt der Bund bis zu 15 Millionen Euro für sieben beziehungsweise fünf Jahre zur Verfügung. Im Zusammenhang mit dem Konjunkturprogramm gegen die Coronakrise hat er die gesamte Fördersumme um 500 Millionen Euro auf 820 Millionen Euro erhöht.

Info: Telekom und City & Bits

Die Deutsche Telekom und das Beratungsunternehmen City & Bits haben eine enge Zusammenarbeit vereinbart, um Kommunen auf deren Weg zur Smart City zu unterstützen. Dieser Ansatz kombiniert die Strategie- und die Umsetzungskompetenz beider Unternehmen. Zudem begleiten beide verschiedene Gewinnerstädte der ersten beiden Staffeln des Förderprogramms „Modellprojekte Smart Cities“.

Webinar: Bausteine für eine effektive und nachhaltige Digitalisierung

OBM und „Der Neue Kämmerer“ veranstalten ein Webinar mit dem Titel „Bausteine für eine effektive und nachhaltige Digitalisierung: Wie Städte und Regionen Smart-City-Strategien erfolgreich entwickeln und umsetzen“. Als Referent erklärt Alexander Handschuh, Sprecher des Deutschen Städte- und Gemeindebunds, vor welchen aktuellen Herausforderungen Kommunen auf dem Weg zur Smart City stehen. Dazu zeigen Schilling, Mofina und Habbel auf, wie Städte und Regionen Smart-City-Strategien erfolgreich entwickeln und umsetzen können. Unter anderem teilen sie ihre Erfahrungen im Kontext des Bundesprogramms „Modellprojekte Smart Cities“. Das Webinar findet am 7. Juli um 11 Uhr statt. Weitere Infos und Anmeldungen gibt es hier.

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