Auf ihrem Weg zur Smart City sollten Städte interdisziplinär denken und kooperieren. Ein Gastbeitrag von Giuseppe Rindone.

Von einem „kraftvollen Impuls für die Digitalisierung unserer Kommunen“ sprach Bundesinnenminister Horst Seehofer im September bei der Bekanntgabe der „Modellprojekte Smart Cities“. In der zweiten Staffel des Programms werden insgesamt 32 Modellprojekte gefördert; in der ersten Staffel waren es 13. Der Bund stellt für die 2020 ausgewählten Projekte über 350 Millionen Euro bereit. Im Zuge des Konjunkturprogramms gegen die Coronakrise wird das Programm insgesamt um 500 Millionen Euro auf 820 Millionen Euro aufgestockt.

Dieser „Impuls für die Digitalisierung“ bedeutet einen Schub für die Smart City. Doch was ist für Kommunen auf dem Weg dorthin wichtig? Reicht es beispielsweise schon, seinen Bürgern vernetzte Parkplätze anzubieten, um smart zu sein? Zweifellos kann eine solche Parking-App vor Ort innovativ und Teil des kommunalen Digitalisierungsprozesses sein. Aber wer den Weg zur Smart City erfolgreich beschreiten möchte, braucht weit mehr als Einzellösungen. Es geht um einen integrierten Blick und um eine Digitalisierungsstrategie, die die gesamten kommunalen Handlungsfelder erfasst.

1. Ein strategischer Ansatz

Dabei darf die Digitalisierung nicht um der Digitalisierung willen geschehen. Will eine Kommune digital voranschreiten, bedarf es zunächst der Betrachtung der eigenen Herausforderungen. Wo steht sie, welche drängenden Aufgaben hat sie zu lösen, wohin will sie sich entwickeln – und wie kann die Digitalisierung dabei helfen und schließlich gelingen? Es geht um ein ganzheitliches digitales Konzept, um einen strategischen Ansatz. Um Bedarfe zu identifizieren, sollte diese Strategie nicht nur eine Rückkopplung mit der Stadtgesellschaft erfahren, sondern bestenfalls auch partizipativ mit ihr erarbeitet sein.

2. Die Stadtgesellschaft im Fokus

Schließlich stehen im Zentrum urbaner Entwicklungsprozesse immer die Menschen. Und jede Verwaltungsleistung, die die Kommune erbringt, ist wie eine Visitenkarte. Je besser der Service ist und je bürgerorientierter er vonstattengeht, als umso attraktiver präsentiert sich die Kommune. Insofern kann Digitalisierung von Fachverfahren sogar ein Anlass dafür sein, einzelne Verwaltungsprozesse neu zu denken – und zwar aus der Perspektive derer, die sie betrifft: der Bürger.

3. Fachbereichsgrenzen überwinden

Dies kann gegebenenfalls auch bedeuten, hergebrachte Strukturen zu hinterfragen. Denn der Bürger weiß in der Regel nicht um verwaltungsinterne Zuständigkeiten – für ihn steht die Lösung seiner Anliegen im Fokus. Dort, wo diese fachbereichsübergreifend sind, ist folglich eine interdisziplinäre Zusammenarbeit nötig, sollen die betreffenden Prozesse adäquat digital abgebildet sein. So ist die Digitalisierung auch dazu geeignet, Schnittstellen in der Verwaltungsstruktur zu überwinden. Mancherorts kann dies durchaus zu Paradigmenwechseln und zu einem Kulturwandel im Rathaus führen.

4. Verwaltungsprozesse digital transformieren

Dabei geht es in der Smart City nicht um den einfachen Download von Formularen über die Webseite der Kommune – Formulare, die später ausgedruckt und wie bisher in Ordnern abgeheftet werden. Eine smarte Kommune erfasst stattdessen den ganzen Prozess und bildet ihn medienbruchfrei ab – bis hin zur digitalen Ablage. Damit einhergeht eine regelrechte Transformation ganzer Verwaltungsprozesse ins Digitale. Vielerorts schlummern hier große Potentiale, und häufig ist schon jetzt mehr möglich, als manche glauben.

Dies betrifft sogar das Verständnis von Stadtsteuerung: Die gesamte Stadtplanung der Zukunft geht digital- und datenbasiert vonstatten. Sensoren im Stadtraum erfassen Verkehrsdaten, die in die Mobilitätsplanung einfließen, Umwelt- und Klimadaten prägen verstärkt Entscheidungen über Bautätigkeiten, und die exaktere Messung von Verbräuchen optimiert die öffentliche Daseinsvorsorge im Bereich der Energieversorgung oder der Abfallwirtschaft.

5. Kooperationen zwischen Kommunen

Giuseppe Rindone (Quelle: Deutsche Telekom)

Giuseppe Rindone (Quelle: Deutsche Telekom)

Der kooperative Faktor bei der Digitalisierung, nämlich die Einbeziehung der Bürger und die Zusammenarbeit verschiedener Verwaltungsstellen, geht jedoch über den Kosmos Stadt hinaus. Denn interkommunale Kooperation und Digitalisierung bedingen einander.

Natürlich ist für die europäische Stadt eine starke Individualität charakteristisch. Städte sind historisch gewachsen, jede hat ihre eigene Geschichte, und die kommunale Selbstverwaltung fördert geradezu lokal zugeschnittene Verwaltungslösungen. Insofern lässt sich die Digitalisierung einer Kommune nicht schablonenartig auf eine andere übertragen. Allerdings: Gängige Verwaltungsprozesse ähneln einander. Und wieso sollte eine Kommune in die Entwicklung derselben Lösung investieren, die parallel in einer anderen Kommune forciert wird?

Dass das Förderprogramm „Modellprojekte Smart Cities“ explizit „interkommunale Kooperationen und Landkreise“ einbezieht, weist auf die hohe Bedeutung der Kooperation als Innovationstreiber hin. Nicht nur, dass sich Kommunen in der gegenseitigen Zusammenarbeit Kosten teilen und Parallelentwicklungen vermeiden können, sondern sie minimieren dabei auch für sich eigene Entwicklungsrisiken. Denn wenn mehrere bei der Entwicklung von Smart-City-Lösungen zusammenarbeiten, steigt zwangsläufig die Wahrscheinlichkeit, dass die jeweilige Lösung skalierbar und auf andere übertragbar ist – mithin ihr volkswirtschaftlicher oder gesellschaftlicher Nutzen.

Es drängt sich also geradezu auf, dass sich typologisch miteinander vergleichbar Städte vernetzen, um an gemeinsamen digitalen Lösungen zu arbeiten. Das Teilen von Wissen und Erfahrung sorgt für Ressourceneffizienz und ist ein Beschleuniger der Digitalisierung. Interkommunale Kooperation schafft eine zusätzliche Dynamik auf dem Weg zur Smart City. Ohnehin ist es lediglich eine Frage der Zeit, wie lange Bewahrer in einer sich rasant verändernden Welt ihre Entwicklungsgeheimnisse für sich behalten können. Wer stattdessen andere an seinen Kompetenzen teilhaben lässt und gleichsam an den Ideen anderer teilhat, gewinnt an Geschwindigkeit. Und je offener der Austausch funktioniert, umso größer wird die Entwicklungsdynamik.

6. Die vernetzende Kraft der Industrie

Die Industrie kann dabei eine vermittelnde Rolle annehmen: Sie kann Best Practices aufzeigen und dazu beitragen, Kommunen mit ähnlichen Anliegen im Sinne eines Austauschs über Gemeindegrenzen hinweg zusammenzubringen. Sie kann die Digitalisierungsprozesse in Kommunen begleiten – von der Bewusstseinsbildung über die eigenen digitalen Herausforderungen bis hin zur konkreten Umsetzung daraus abgeleiteter Strategien.

Auch hier erweist sich der kooperative Faktor also als ein Treiber der Digitalisierung. Die Digitalisierung ist eine Querschnittsaufgabe, und sie zu lösen bedarf einer gemeinsamen Anstrengung. Und zwar der Kooperation zwischen Kommunen und ihren Bürgern, der Kooperation einzelner Verwaltungsbereiche, der interkommunalen Kooperation und der Kooperation zwischen Kommunen und der Industrie.

Der Autor

Giuseppe Rindone leitet den Bereich Solution Sales der Smart City Unit bei der Deutschen Telekom. Die Deutsche Telekom begleitet Kommunen auf dem Weg zur Smart City. Als einen der Gewinner des BMI-Wettbewerbs „Smart Cities – made in Germany“ hat die Telekom den Landkreis Wunsiedel im Fichtelgebirge bei der Erstellung einer Digitalstrategie unterstützt. Unter Beteiligung der Kommunen, Bürger und Unternehmen wurden 36 Ideen für smarte Projekte für zwölf Themenfelder entwickelt. Sie sollen auch für andere Kommunen Modellcharakter haben.

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