Die Coronakrise löst einen Schub für die Digitalisierung aus. Was das für Städte bedeutet, erklärt Rechtsexperte Nicolas Sonder im OBM-Interview.

„Instrumente wie die E-Akte müssen zur Norm werden“, sagt der Rechtsexperte Nicolas Sonder. Von der Coronakrise erwartet er einen Schub für die Digitalisierung in Städten und die Entwicklung zur Smart City. Die in der Krise gemachten Erfahrungen führten dazu, dass sich die Arbeitswelten auch in Verwaltungen änderten. Darüber hat Sonder mit der OBM-Zeitung gesprochen.

“Die Städte sind gefordert, digitale Lösungen zu finden”

OBM: Herr Sonder, viele Städte nutzen digitale Lösungen, um die Auswirkungen der Coronakrise besser zu beherrschen. Schlägt nun die Stunde der Digitalisierung?

Nicolas Sonder: Das könnte man in der Tat so sagen. Digitale Lösungen sind derzeit ein Dauerbrenner in der Diskussion rund um die Coronakrise. Das liegt daran, dass Technologie viele Möglichkeiten mit sich bringt – gerade in einer Situation, in der Kontaktsperren gelten, also persönliche Begegnungen kaum möglich sind. Hier kann das Digitale neue Brücken schlagen. Und die Städte sind sehr gefordert, wenn es darum geht, in der akuten Problemlage neue, digitale Lösungen zu finden. In der Coronakrise wird aber zugleich erkennbar, dass wir insgesamt einen Digitalisierungsrückstand haben. Ungeachtet dessen, muss in der Krise kurzfristig gehandelt werden. In diesem Spannungsfeld bewegen sich auch Städte und Kommunen.

OBM: Was ist denn in Städten zu tun, was die Digitalisierung in der Krise betrifft?

Nicolas Sonder: Die Städte sollten zum einen Digitalisierung nutzen, um den Betrieb ihrer Verwaltung sicherzustellen. IT-Infrastruktur, Prozesse, Organisation und Mitarbeiter müssen so im Einklang stehen, dass sowohl mobiles Arbeiten als auch ein Notfall- oder Schichtbetrieb in den Rathäusern gewährleistet sind. Gleiches gilt selbstverständlich für alle Bereiche der öffentlichen Daseinsvorsorge, also etwa auch für kommunale Tochtergesellschaften wie Stadtwerke. Ferner sollten digitale Lösungen und innovatives Datenmanagement dazu genutzt werden, um dem Infektionsgeschehen im städtischen Umfeld zu begegnen – etwa durch kommunale Covid-Apps oder technologiegestützte Gefahrenabwehrmaßnahmen.

“Die Krise sorgt mancherorts für einen Paradigmenwechsel”

Nicolas Sonder, Partner PwC Legal (Quelle: PwC Legal)

Nicolas Sonder, Partner PwC Legal (Quelle: PwC Legal)

OBM: Zuletzt veranstalteten wir ein Webinar zur Frage der Digitalisierung in Bezug auf die Coronakrise. Dabei ergab das, freilich nicht repräsentative, Stimmungsbild unter den Teilnehmern, dass viele Städte offenbar in Sachen Digitalisierung auch hinsichtlich der Krise gerne schon weiter wären, als sie es im Augenblick noch sind. Was können Sie diesen Städten zurufen?

Nicolas Sonder: Ich glaube nicht, dass wir in den Städten allzu schnell wieder in einen dauerhaften und vollständigen Lock-Up-Modus kommen, geschweige denn, dass das Arbeiten wieder genauso wird wie zuvor. Die Krise gibt der Digitalisierung einen Schub, sie sorgt mancherorts vielleicht sogar für einen Paradigmenwechsel. Vor allem die Flexibilität und Unabhängigkeit, die Digitalisierung bieten kann, gewinnt an Gewicht. Für Städte bedeutet dies: Instrumente wie die E-Akte, digitale Bürgerservices, Cloudlösungen und Datenplattformen müssen zur Norm werden. Die digitale Kommunikation ist für viele Menschen nun alltäglich, und diese Ansprüche werden sie auch an Verwaltungen herantragen.

OBM: Wo sehen Sie Hürden für die Digitalisierung?

Nicolas Sonder: Die größten Herausforderungen sehe ich nach meiner Erfahrung im Management und in der Organisation der Digitalisierung in einer Stadt. Für die konkrete Umsetzung von Projekten bedarf es einer juristisch-konzeptionellen Gestaltung und Anwendung des Rechtsrahmens. Denn die technologischen Möglichkeiten sind für Vieles längst vorhanden, aber in der Konzeption und Umsetzung an der Schnittstelle von Organisation und Recht tun sich viele noch schwer. Das ist aber auch nicht verwunderlich, weil gerade innovative Anwendungen ja erst „gelernt“ werden müssen.

“In fünf Jahren sind wir viel weiter, als wir es uns jetzt vorstellen”

OBM: Wo stehen wir in einem Jahr und wo in fünf Jahren in Sachen Digitalisierung?

Nicolas Sonder: Da möchte ich mal etwas pathetisch antworten: In einem Jahr längst noch nicht dort, wo wir sein wollen, und in fünf Jahren dafür viel weiter, als wir es uns jetzt vielleicht vorstellen. Denn die Vergangenheit hat uns gelehrt, dass technologischer Fortschritt exponentiell ist.

Dr. Nicolas Sonder ist Partner bei PwC Legal und leitet dort den Bereich „Digitalisierung im öffentlichen Sektor“. Das Foto oben zeigt die Produktion des “Kulturlivestreams” in Kaiserslautern: Hier digitalisiert die Stadt angesichts der Coronakrise ihre Kulturprogramme und überträgt sie via Internet.

Mehr Infos zum Thema im Webinar

Das Webinar „Wie Städte mit digitalen Lösungen dem Coronavirus begegnen – und worauf es bei der Digitalisierung nach der Krise ankommt“ ist hier abrufbar. Es wurde veranstaltet von den Fachzeitschriften „OBM – Zeitung für Oberbürgermeister/innen“ und „Der Neue Kämmerer“ sowie PwC Legal.

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