Die Region Stuttgart macht Tempo beim Glasfaserausbau – interkommunal und mit der Industrie. OBM Kuhn: „Die Region als Ganzes betrachten.“

Die Region Stuttgart sei ein „Vorzeigebeispiel, wie in Deutschland Glasfaserausbau bewerkstelligt werden kann“. Das sagte Walter Goldenits, Technikchef der Telekom Deutschland, gestern bei einer Pressekonferenz. Dabei gab die baden-württembergische Landeshauptstadt eine Standortbestimmung bezüglich des Ausbaus ihrer digitalen Infrastruktur. Dafür kooperiert sie mit den Landkreisen und Kommunen der Region sowie mit der Telekom. Es handele sich dabei um „eines der größten Breitbandkooperationsprojekte zwischen der Privatwirtschaft und der öffentlichen Hand in der EU“, sagte Hans-Jürgen Bahde, Geschäftsführer der „Gigabit Region Stuttgart GmbH“.

Interkommunale Kooperation beim Ausbau der digitalen Infrastruktur

An der kommunalen Gigabit-GmbH sind die Landeshauptstadt Stuttgart und die regionale Wirtschaftsförderung sowie die Landkreise Böblingen, Esslingen, Göppingen, Ludwigsburg und Rems-Murr beteiligt. Aufgabe der Gesellschaft ist es, den Glasfaserausbau der Region zu koordinieren. Ein wesentlicher Treiber dafür ist das Kooperationsprojekt mit der Telekom, die privatwirtschaftlich in den Glasfaserausbau investiert. Die Besonderheit der interkommunalen Kooperation: „Wir begreifen die Region als Ganzes“, so der Stuttgarter OBM Fritz Kuhn.

Es gehe darum, die digitale Infrastruktur nicht in den urbanen Zentren der Region bevorzugt zu entwickeln, sondern möglichst flächendeckend auch in ländlichen Gebieten. „Die klassische Aufteilung von Hotspots und sogenannten weißen Flecken stimmt für die Region gar nicht“, erklärt der Oberbürgermeister.

Balance zwischen Privathaushalten, Gewerbe, öffentlichen Gebäuden

Nicht zuletzt durch die Coronakrise verzeichneten Homeoffice-Modelle „gigantische Zuwächse“. Dies betreffe Büroarbeitsplätze etwa in Banken, Versicherungen oder Verwaltungen. Die Wohngebiete in ländlichen Räumen, die an die urbanen Zentren und Firmensitze angrenzen, müssten aus Sicht des Wirtschafts- und Wissenschaftsstandorts beim Ausbau der digitalen Infrastruktur daher stets mitgedacht werden, so Kuhn. Ein einseitiger Fokus auf die Zentren und eine Vernachlässigung der angrenzenden ländlichen Gebiete übersehe die wichtigen Bezüge zwischen beiden. Diese Bezüge machten die regionale Sichtweise auf den Infrastrukturausbau nötig.

Genauso achte man beim Glasfaserausbau auf die Balance zwischen privaten Anschlüssen und der digitalen Infrastruktur für Gewerbegebiete. Zudem priorisiere man den Ausbau für öffentlich relevante Gebäude wie Schulen oder Krankenhäuser als grundlegend für die Smart City, sagt Kuhn. Die Region umfasst insgesamt rund 2,8 Millionen Menschen sowie 179 Städte und Gemeinden. Davon partizipieren 174 an der Gigabit-GmbH.

Drei „Ausbausäulen“: die Glasfaserkooperation mit der Telekom

Das Kooperationsprojekt mit der Telekom läuft seit Mai 2019. (Das Foto oben zeigt den Vertragsabschluss am 24. Mai 2019.) Wenige Tage zuvor wurde die Gigabit-GmbH gegründet. Seit dem wurden 24.700 Haushalte mit Glasfaseranschlüssen erschlossen. Bis zum Jahresende kommen 80.000 Haushalte und Unternehmen in den Landkreisen hinzu. So haben bislang insgesamt rund 100.000 Haushalte und Unternehmen neu Zugang zu einem Glasfaseranschluss erhalten. Jährlich sollen weitere rund 80.000 Haushalte erreicht werden. Das Ziel des Glasfaserausbaus in Stuttgart ist, dass bis 2030 90 Prozent aller Haushalte einen Netzzugang haben. Über das Kooperationsprojekt mit der Telekom hinaus hofft die Stadt auf Investitionen weiterer Marktteilnehmer.

Die Kooperation mit der Telekom fußt auf drei „Ausbausäulen“, erklärt Bahde. Erstens setze man auf einen eigenwirtschaftlichen Ausbau der Industrie. Zweitens stimme man sich mit der Telekom bezüglich förderfähiger Gebiete wie unterversorgter Bereiche oder öffentlicher Gebäude wie Schulen ab. Drittens kooperierten die Kommunen mit der Telekom, wo Unterstützung nötig und beihilferechtlich möglich sei. Bis dato hat die Telekom insbesondere eigenwirtschaftlich in den Glasfaserausbau investiert.

Dass in der Region neun von 32 Stadtwerken ebenfalls im Bereich des Glasfaserausbaus aktiv seien, habe man in der Kooperation berücksichtigt. Hier strebe man im Rahmen des Kooperationsprojekts einzelne Vereinbarungen bezüglich der Infrastrukturnutzung zwischen den betroffenen Stadtwerken und der Telekom an, sagt Bahde. Diese zielten darauf ab, doppelte Ausbautätigkeiten zu vermeiden, die getätigten kommunalen Investitionen zu schützen und Kooperationsmodelle zwischen den betroffenen Stadtwerken und der Telekom zu finden.

Glasfaserausbau in Stuttgart: einmalige „Eigendynamik“

Goldenits bescheinigt dem Engagement der Region Stuttgart für den Glasfaserausbau eine Modellhaftigkeit. „Hier entsteht eine Eigendynamik, die wir im Bundesvergleich nirgendwo sonst haben.“ Besonders daran sei der starke Wille der Akteure zur pragmatischen, gemeinsamen Infrastrukturentwicklung und, dass alle „gemeinsam mit Volldampf hinter dem Thema her sind“. Dies könne eine Signalwirkung für ähnliche Vorhaben in anderen Kommunen entfalten.

Neben der interkommunalen Kooperation und dem starken Willen zum Infrastrukturausbau nennt Goldenits weitere Erfolgsfaktoren, die das Stuttgarter Projekt auszeichneten. Dazu gehöre der ganzheitliche Ansatz, der auch die kooperative Einbindung bestehender Infrastruktur in die Ausbaustrategie umfasse. Zudem beschleunige die Bereitschaft, alternative Methoden wie oberirdisches Bauen oder mindertiefe Verlegungen in die Planungen einzubeziehen, den Ausbauprozess.

Darüber hinaus gehe es um einen integrierten Blick auf Kommunikationstechnologie: Spreche man über die digitale Infrastruktur, sei „beides miteinander verwoben“ – sowohl der Festnetzausbau als auch der Mobilfunkausbau hinsichtlich des neuen Standards 5G, sagt Goldenits.

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