Das „Memorandum Urbane Resilienz“ liegt vor. Es fordert, die Krisen- und Risikovorsorge in der Stadtentwicklung stärker zu verankern.

Der Stadtforscher Detlef Kurth stellte gestern beim 14. Bundeskongress Nationale Stadtentwicklungspolitik das „Memorandum Urbane Resilienz – Wege zur robusten, adaptiven und zukunftsfähigen Stadt“ vor. Das Papier fordert, urbane Resilienz als elementares Thema für Kommunen in die Nationale Stadtentwicklungspolitik und in lokale Stadtentwicklungsstrategien einzubeziehen. Die Kommunen bräuchten dafür entsprechende Ressourcen.

Corona als „Stresstest“: Städte müssen resilienter werden

Angesichts der Coronakrise erlebten die Städte derzeit einen anhaltenden „Stresstest“, so Kurth. Der weise umso eindringlicher auf die Bedeutung von Krisenfestigkeit und einer entsprechenden Risikovorsorge im Sinne einer resilienten und widerstandsfähigen Stadt hin. Dementsprechend plädiert das Memorandum für ein Risiko- und Krisenmanagement als Querschnittsaufgabe in urbanen Handlungsfeldern.

Es gelte, eine Strategie der urbanen Resilienz aufzubauen. Dazu gehörten Prävention und Risikovermeidung sowie Transformations- und Gestaltungsfähigkeit. Das Papier bezieht sich nicht nur auf den aktuellen Fall einer Pandemie, sondern definiert urbane Resilienz umfassend: von der Gesundheitsvorsorge über die Vorbereitung auf Naturkatastrophen oder Terroranschläge bis hin zur Klimaanpassung.

Damit möchte es lokale wie nationale Entscheidungsträger dafür sensibilisieren, das Ökosystem Stadt integriert zu denken und in seiner Robustheit zu stärken. Allerdings: Man begreife den Begriff Resilienz nicht nur in seiner Bedeutung als ein „Zurückfedern in den Urzustand“ im Falle plötzlicher Krisen, unterstreicht Kurth. Es gehe auch um eine kontinuierliche Transformation von Stadt, um die Fähigkeit zur Anpassung an neue Gegebenheiten und um Gestaltungswillen. All dies gehöre zum Risikomanagement und zur -vorsorge.

„Memorandum Urbane Resilienz“ knüpft an „Leipzig-Charta“ an

Das Memorandum wurde von einem unabhängigen Expertenbeirat erarbeitet. Herausgegeben wird es vom Bundesministerium des Inneren, für Bau und Heimat. Kurth, Inhaber des Lehrstuhls für Stadtplanung an der Technischen Universität Kaiserslautern, ist Sprecher der Arbeitsgruppe.

Die Handlungsempfehlungen des Memorandums und die sich daraus ergebenden Forderungen stünden im Geiste der Leipzig-Charta, so Kurth. Die „Leipzig-Charta“ wurde von den für Stadtentwicklung zuständigen EU-Ministern 2007 in Leipzig als Leitbild einer nachhaltigen europäischen Stadt verabschiedet und 2020 im Zuge der deutschen EU-Ratspräsidentschaft bei einer virtuellen Konferenz aktualisiert. Man wolle die Idee einer dichten, kompakten, nachhaltigen Stadtentwicklung „nicht über den Haufen werfen“, sagt Kurth, sondern die Perspektive des Risikomanagements darin stärker gewichten.

Zehn Handlungsempfehlungen für die Resilienz von Städten

Unter anderem regt das Memorandum im Sinne der Resilienz von Kommunen in zehn Handlungsempfehlungen dazu an, die regionale Zusammenarbeit zu intensivieren sowie den internationalen Austausch – insbesondere hinsichtlich globaler Herausforderungen wie dem Klimawandel – zu forcieren. Den Kommunen rät es, Reserven für Krisenfälle aufzubauen. Gemeint sind personelle und materielle Ressourcen sowie Grundstücks-, Flächen- und Immobilienreserven. Um im Bedarfsfall zu pragmatischen Lösungen zu kommen, seien zudem flexible Governance- und Entscheidungsstrukturen wichtige Voraussetzungen.

Darüber hinaus spricht sich das Memorandum dafür aus, zivilgesellschaftliches Engagement zu fördern und dazu auch die Potentiale von Quartieren zu nutzen. Lokale Netzwerke und Versorgungsketten im Quartier sorgten für einen stärkeren Gesamtzusammenhalt in der Stadt. Das Memorandum definiert in diesem Zusammenhang den Begriff der „15-Minuten-Stadt“ im Hinblick auf kurze Wege.

Entscheidend sei außerdem die Widerstandsfähigkeit von Infrastrukturen – etwa denen der Gesundheitsvorsorge, der nachhaltigen Mobilität oder der Digitalisierung. Insofern sei es an den Kommunen, auf solchen wichtigen Feldern der Daseinsvorsorge das Risiko- und Krisenmanagement zu forcieren. Bund und Länder müssten deren Anstrengungen flankieren, indem sie finanziell helfen, begünstigende Rahmenbedingungen dafür setzen oder das Thema in Förderkulissen stärker akzentuieren.

Darüber hinaus schlägt das Memorandum eine Institutionalisierung der Risiko- und Krisenvorsorge in der Nationalen Stadtentwicklungspolitik vor, und zwar im Sinne eines „Hauses der Leipzig-Charta“ als Kompetenzzentrum sowie einer „Task Force Urbaner Resilienz“, die im Katastrophenfall Kommunen bei der Krisenbewältigung unterstützt.

(Das Foto oben zeigt eine Impression der Stadt Leipzig.)

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