Karlsruhe, Stuttgart und Neckar-Alb gründen eine KI-Genossenschaft. So bewerben sich die Regionen um Landesmittel. Warum als Genossenschaft?

Das Land Baden-Württemberg schreibt den Wettbewerb um einen „Innovationspark Künstliche Intelligenz (KI)“ aus. Es geht um Fördermittel in Höhe von 47,5 Millionen Euro. Dafür gibt es vier Bewerber: die Städte Freiburg, Heilbronn und Ulm sowie eine Genossenschaft. Bei der Genossenschaft handelt es sich um die „Innovationspark Künstliche Intelligenz Baden-Württemberg eG“. In ihr sind drei Regionen miteinander vernetzt: die Regionen Karlsruhe, Stuttgart und Neckar-Alb mit den Städten Karlsruhe, Stuttgart, Böblingen, Tübingen und Reutlingen. Wie es zur – für einen solchen Zweck bundesweit wohl einmaligen – Genossenschaftsgründung kam und welche Vorteile diese Gesellschaftsstruktur bietet, erklärt der Karlsruher OBM Frank Mentrup. Er ist Aufsichtsratsvorsitzender der Genossenschaft.

KI-Kompetenzen unter einem gemeinsamen Dach

OBM: Herr Mentrup, warum gründen die drei Regionen Karlsruhe, Stuttgart und Neckar-Alb eine KI-Genossenschaft?

Frank Mentrup: Das Land Baden-Württemberg hat einen Wettbewerb für die Errichtung eines KI-Innovationsparks mit internationaler Strahlkraft ausgeschrieben. Hier sollen künftig Wissenschaft, KMU, Weltmarktführer, KI-Start-Ups mit Unterstützung der öffentlichen Hand neue KI-Produkte und -Anwendungen „made in BW“ noch schneller entwickeln, noch erfolgreicher in die Anwendung und in den Markt bringen, als dies in den bisherigen Strukturen möglich ist. Ein solcher Wettbewerb soll ja schließlich zusätzliche Impulse setzen für zukünftig noch agilere und kreativere Lösungen und Angebote – aufbauend auf einem Teilnehmerfeld mit den schon bestehenden KI-Kompetenzen Baden-Württembergs. Wir waren uns schnell einig, dass es dazu nicht das Ziel sein kann, nach dem asiatischen Vorbild einen neuen KI-Park „auf der grünen Wiese“ zu errichten. Vielmehr wollten wir ein Konzept entwickeln, das die KI-Kompetenzen der hier führenden Regionen unter einem gemeinsamen Dach zusammenführt. Carl Benz und Gottfried Daimler haben das Auto schließlich nicht in einem Innovationspark für Künstliche Mobilität zur Marktreife gebracht, sondern diesen Prozess schneller als andere über eine intelligente und agile Vernetzung notwendiger Entwicklungs- und Produktionsschritte und das jeweilige Zuliefer-Know-how geschafft – das ist der baden-württembergische Weg an die Weltspitze von Innovation und Technik.

Gesellschaftsstruktur: keine Dominanz, offen und resilient

OBM: Was spricht aber nun für die Gesellschaftsform, und warum gründete man nicht etwa eine GmbH? Was ist das Besondere an der Genossenschaft?

Frank Mentrup: Wir mussten eine Gesellschaftsstruktur finden, die keinem Beteiligten eine dominierende Rolle zuschreibt, die offen für neue Mitglieder ist und die dauerhaft resilient aufgestellt ist. Damit zeigen wir auch international auf, was wir strukturell unter einer europäischen Antwort auf die weltweiten Herausforderungen an KI verstehen: eine kooperative, digital souveräne, für demokratische und zivilgesellschaftliche Einbindung offene Innovationsplattform. Ausgangsbasis dazu ist die dezentrale, qualitativ hochwertige und einmalig umfangreiche Datenbasis, die sich aus der vertrauensvollen, ethisch abgestimmten und demokratischen Zusammenarbeit aller Gesellschafter und Konsortialbeteiligter aus Wirtschaft, Wissenschaft und öffentlicher Hand ergibt. Diese Datenbasis, verknüpft mit einem agilen Netzwerk der innovativsten Institutionen für KI in Baden-Württemberg, ist die Voraussetzung, im weltweiten Rennen um die besten KI-Produkte und neue KI-Verfahren erfolgreich zu sein. Immerhin bilden die im Konsortium und in der Genossenschaft miteinander verbundenen Regionen mehr als die Hälfte der Wirtschaftskraft des Landes ab, von der weltweit einmaligen Expertise als Forschungs- und Hochschulstandort ganz zu schweigen. Zudem ermöglicht es diese Struktur, auch aus allen anderen Regionen des Bundeslandes und darüber hinaus weitere Partner einzubinden.

KI: menschenzentriert, diskriminierungsfrei und verantwortungsvoll

OBM: Welche Aspekte waren Ihnen dabei besonders wichtig?

Frank Mentrup: Uns war es wichtig, hier ein Public-Private-Partnership-Modell zu entwickeln, da nach unserer Überzeugung die Anwendung von KI-Lösungen und -Produkten nur gelingen kann, wenn diese menschenzentriert, diskriminierungsfrei und mit verantwortungsvollen KI-Systemen unter gesellschaftlicher Beteiligung erfolgt. Wir wollen ein Gesamtkonzept entwickeln, die es ermöglicht, unsere unterschiedlichen Standorte und KI-Kompetenzen auf Augenhöhe einbinden zu können. Also eine Plattform, die über die aufzubauenden Infrastrukturen hinaus einen deutlichen Mehrwert für die Unternehmen und die Gesellschaft im Land anbieten kann. Und die es ermöglicht, sowohl die hier entstehenden Produkte als auch die Standorte international zu vermarkten. Der Gesellschaftszweck einer Genossenschaft ist darauf ausgerichtet, die Wirtschaft ihrer Mitglieder durch gemeinschaftlichen Geschäftsbetrieb zu fördern. In Summe sind wir zu dem Ergebnis gekommen, das die Genossenschaft den aufgestellten Kriterien am nächsten kommt und am konsequentesten agile und disruptive Entwicklungen fördert. Unseres Wissens betreten wir damit sogar deutschlandweit Neuland. Mit den drei Regionen Karlsruhe, Stuttgart und Neckar-Alb haben wir einen Nukleus geschaffen, der von der Grundlagenforschung bis hin zur konkreten Anwendung sehr starke Standorte mit Kompetenzen im Bereich Künstlicher Intelligenz vereinigt. Darauf aufbauend können andere Regionen Baden-Württembergs auf Augenhöhe eingebunden werden.

Wettbewerbsbeitrag: polyzentrische KI-Struktur fürs Land

OBM: Was geschieht denn mit der Genossenschaft, sollte sie den Wettbewerb nicht gewinnen? Würde sie dann aufgelöst, oder welchen Zweck würde sie alternativ verfolgen?

Frank Mentrup: Auslöser und Motivation für die Genossenschaftsgründung ist der Wettbewerb. Aktuell gehen alle Konzepte von einem Gewinn des Wettbewerbes und Fördermitteln in Höhe von 47,5 Millionen Euro aus. Sollten wir nicht gewinnen, bedarf es einer Neubewertung und einer weiteren Entscheidung.

OBM: Zum Wettbewerb: Sie sagen es, es geht um Fördermittel in Höhe von 47,5 Millionen Euro zum Aufbau des Innovationsparks. Aber wie soll der Park konkret „aufgebaut“ und mit Leben gefüllt werden? Die Kommunen selbst sind ja keine KI-Player, forschen nicht oder gründen auch keine Forschungsinstitute. Gibt es bereits konkrete Ansiedlungsvorhaben oder -strategien etwa des Landes?

Frank Mentrup: Der Ansatz ist eine polyzentrische Struktur für Kooperation und Innovation über die gemeinsame Datenbasis und Innovationsplattform hinaus. Es gibt regionale Betreibergesellschaften, die die regionalen Liegenschaften entwickeln und ausbauen, eingebettet in die gemeinsame Genossenschaft „Innovationspark KI BW eG“. Die Kommunen sind hier zum Teil die Betreiber der regionalen KI-Parks. An den Standorten sowie in der Genossenschaft selbst werden Unternehmen, Verbände, Hochschulen und Technologietransfereinrichtungen neben den Kommunen eingebunden, auch als potentielle Genossen. Die inhaltliche Weiterentwicklung der Leistungsangebote neben der Infrastruktur wird von einer starken Partnerstruktur aus Wissenschaft, Wirtschaft und Verbänden unterstützt und aufgebaut. Die Kommunen bringen unter anderem die Liegenschaften ein, bieten den rechtlichen Rahmen und neue Infrastruktur, in dem sich das KI-Ökosystem aus Spitzenforschung und Unternehmergeist optimal entfalten kann. Die Experten, Konzepte, Bildungsangebote und Experimentierräume sowie Acceleratoren und Investoren für KI-StartUps werden gemeinsame Daten- und Innovationsinfrastrukturen sein, mit der Unternehmen und Forschungseinrichtungen neue Anwendungen und KI-Produkte erproben können. Der Innovationspark KI BW ist ein standortübergreifender anwendungsnaher Experimentierraum für wettbewerbsfähige KI zum Wohle der Gesellschaft. Konkrete Ansiedlungsvorhaben werden im Zuge des Aufbaus und der Vermarktung des Innovationspark KI BW erfolgen, natürlich mit Einbindung des Landes Baden-Württembergs. Die Zielregion ist aber schon heute für internationale Unternehmen sehr attraktiv, da hier fast 50 Prozent des Bruttosozialproduktes Baden-Württembergs erwirtschaftet werden.

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